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Wolfenstein 2: The New Colossus – Review: Der beste Singleplayer-Shooter des Jahres

Keine Lootboxen, keine Mikrotransaktionen und kein aufgesetzter Mehrspieler-Shooter: Wolfenstein 2: The New Colossus ist die Anti-These zur aktuellen “Games as a Service”-Debatte. Ein Menü, welches reinen Singleplayer-Liebhabern garantiert schmecken wird, sofern man kein Problem mit knallharter Action hat.

Drei Jahre sind seit dem Erscheinen von Wolfenstein: The New Order vergangen. Seit dem hat sich einiges geändert: Politisch, wie auch videospieltechnisch. Entwickler Machine Games kämpft bei Wolfenstein 2: The New Colossus gleich an zwei Fronten. Einerseits bietet man einen ganz klassischen Singleplayer-Shooter an, der das Prinzip “Games as a Service” nur vom Hörensagen kennt. Auf der anderen Seite stolpert man vor allem in den USA in eine leichte Politik-Debatte, denn auf einmal gibt es Leute, die sich davon angegriffen fühlen, dass Protagonist B.J. Blazkowicz reihenweise Nazis bzw. im Deutschen Regime-Anhänger in den Arsch tritt. Auf beide Sachen pfeift Machine Games oder um es in den Worten von Bethesdas Pete Hines auszudrücken: “Es ist erschreckend, dass das Spiel überhaupt als kontroverses politisches Statement angesehen werden kann.”

Nahtlose Fortsetzung

In der Welt von Wolfenstein sind derweil keine drei Jahre vergangen, sondern nur wenige Minuten bzw. Stunden. Die Geschichte von The New Colossus schließt direkt an das Ende von The New Order an und weckt ein altbekanntes Déjà-vu: Nach dem finalen Angriff im Vorgänger hat es B.J. schwer erwischt, er wird nur gerade so gerettet und muss erst einmal monatelang das Krankenbett hüten. Was er zu dem Zeitpunkt nicht weiß? Frau Engel ist hinter ihm her, ganz Amerika ist mittlerweile in den Händen des Regimes und schon bald heißt es für den breiten Ex-Soldaten in den Rollstuhl zu hüpfen und loszuballern. Zu Beginn zitiert sich Machine Games einfach selbst, aber davon nicht beirren lassen: Nach und nach entwickelt sich eine emotionale Achterbahn-Geschichte, die mit wahnsinnigen Wendungen um die Ecke kommt und nachvollziehbar die Geschicke des Wiesenauer Kreises fortsetzt.

Aber Wolfenstein 2 ist nicht nur die Erzählung einer Widerstandstruppe im Kampf gegen das Regime, sondern wird zuweilen auch sehr persönlich. Der Ausflug nach Amerika ist für B.J. eine Reise in die eigene Vergangenheit – zurück zu seiner liebevollen Mutter und seinem garstigen Vater. Zurück in eine Zeit, in der die Familienverhältnisse schlicht noch anders waren, als wir sie heute kennen. Machine Games schafft es hier die nachdenklichere, die weichere Seite des B.J. weiter auszubauen, ohne dass er zur Witzfigur wird.

Charaktere zum Verlieben

Das gilt auch für viele andere Charaktere des Spiels, die man zuweilen schon aus dem Vorgänger kennt. Wo andere Shooter daran zerbrechen, Persönlichkeiten abseits des Protagonisten ordentlich in Szene zu setzen, schaffen es die Entwickler von Wolfenstein 2 fast schon mit Leichtigkeit, dass einem über ein halbes Dutzend an NPCs ans Herz wachsen. Nach jedem größeren Einsatz geht es zurück an das Bord des U-Bootes Hammerfaust, welches zugleich als Basis des Wiesernauer Kreises dient. Dort gibt es nicht nur neue Einsatzbesprechungen, sondern wer sich die Zeit nimmt, wird immer mal wieder über einfühlsame, nachdenkliche, witzige oder herzerwärmende Situationen stolpern, die Leuten wie Max Hass, Seth, Anya oder Wyatt unfassbar viel Profil verleiht. In Wolfenstein 2 sind sie nicht nur dazu da, um die Handlung voranzutreiben, sondern sie vermitteln tatsächlich das Gefühl einer Familie, die füreinander steht und miteinander kämpft.

Dabei hilft es, dass die Autoren zwar bewusst eine völlig überzogene Geschichte erzählen, die zuweilen die Logik vollkommen über Bord wirft, aber dabei die eigentliche Ernsthaftigkeit des Szenarios nie aus den Augen verlieren. Von einer Szene zur anderen schafft es Wolfenstein 2 gekonnt, dass wir das eben aufgesetzte Grinsen sofort verlieren und uns in den Worten der Rebellenanführerin Grace verlieren, die gerade von den Momenten nach dem Atombombenabwurf erzählt. Es sind Momente, die nachdenklich stimmen, ehe man sich wieder ins Gefecht stürzen muss, um zahlreichen Regime-Angehörigen das zu verpassen, was sie vermeintlich verdient haben.

Das gilt insbesondere für Antagonistin Frau Engel, die, wie selten ein Bösewicht zuvor, einen unfassbaren Hass in mir auslöst. Ihre sadistische Art und Weise gepaart mit einer widerwärtigen Ideologie ekelt schlichtweg an und man hofft jedes Mal, dass man es ihr endlich heimzahlen kann. Ihr und ihrem verdammten ekelhaften Lächeln, dass leider zu Beginn nur von einer Narbe und nicht gleich mehreren geziert wird. All das verdankt Wolfenstein 2 seiner famosen Darstellung und seiner sehr gut geschriebenen Geschichte, die Drama, Humor und überzogene Gewaltdarstellung so gut miteinander verbindet, dass man froh ist, dass es dieses Regime nicht mehr gibt und hoffentlich nie mehr geben wird.

Ballern wie Früher

Bei den Spielmechaniken hat sich derweil nicht so viel getan: Wolfenstein 2 ist wie sein Vorgänger ein klassischer Ego-Shooter der alten Schule. Waffenbegrenzungen gibt es nicht, die Gesundheit regeneriert sich nur bis zur Hälfte automatisch, überall liegen Medipacks und Rüstungsteile herum und ein einfaches Durchrennen ist nicht. Schon auf den mittleren Schwierigkeitsgraden schlägt die KI kräftig zu und es gilt öfters mal in Deckung zu rennen. Wie schon in The New Order verpassen es die Entwickler jedoch, dem Spieler mitzuteilen, wann er getroffen wird und wann nicht. Viel zu oft bemerkt man erst, dass sich die Lebensenergie dem Nullpunkt nähert, wenn man gerade tot umfällt.

Wer nicht im Akimbo-Stil (dieses Mal sogar mit zwei unterschiedlichen Waffen möglich!) durch die Level hetzen und schießen möchte, der kann Wolfenstein 2 erneut als eine Art seichten Stealth-Shooter spielen. Mit Wurfäxten und schallgedämpfter Pistole ist es problemlos möglich, die meisten Level nahezu unentdeckt zu beenden. Nur in manchen Segment zwingen euch die Entwickler zur direkten Konfrontation, bei dem Schleichen keine Alternative mehr ist. Macht aber nichts, denn das Ballern macht dank wuchtigen Waffen, übertriebener Gewalt und stellenweise zahlreichen Explosionen ordentlich Laune. An das rasante Shooter-Gefühl von Doom reicht Wolfenstein 2 zwar nicht heran, aber der behäbige B.J. weiß dennoch bestens, wie er sich zu wehren hat.

Im Laufe des Spiels können die Waffen außerdem verbessert werden, etwa mit einem Schalldämpfer oder panzerdurchbrechender Munition und so weiter, und unser Protagonist wird durch das leicht überarbeitete Skill-System immer besser. In den den drei Talentbäumen verteilen wir jedoch nicht manuell Punkte, sondern bekommen nur Zugang zu besseren Fähigkeiten, wenn wir uns entsprechend Spiel so benehmen. Wer etwa oft Leute mit der Axt abwirft, erhöht damit sein Munitionslimit und wer oft genug den Kopf von Gegnern trifft, macht schon bald mehr Schaden, wenn man direkt über Kimme und Korn zielt. Später im Spiel folgen noch die Kampfmods, zu denen ich hier an dieser Stelle aber nichts verraten möchte. Lasst euch davon selbst überraschen.

Es gibt viel zu tun

Wer sich in Wolfenstein 2: The New Colossus ausschließlich auf die Hauptkampagne fokusiert, wird nach ungefähr 10 bis 13 Stunden das Ende erleben. Wer will, kann aber noch viel mehr aus dem Shooter rausholen: Zum einen gibt es wieder zahllose Sammelgegenstände wie Star-Karten, Maxs Spielzeug, Artworks und so weiter, die in den unterschiedlichen Leveln verteilt sind. Über manche davon stolpert man automatisch, andere sind deutlich schwieriger versteckt. Getötete Kommandanten hinterlassen außerdem Enigma-Codes, die in der Hauptbasis des Widerstands zu einem Minispiel führen, wodurch wiederum Nebenmissionen freigeschaltet werden. Meistens geht es dort nur darum, einen bestimmten Offizier zu erledigen. Das ist nicht allzu abwechslungsreich, aber da das Schießen jede Menge Spaß macht und am Ende neue Modifikationen beziehungsweise Waffenverbesserungen warten, lohnt sich ein Blick allemal. Immerhin: Wer während der Kampagne keine Zeit dafür hat, kann nach dem Ende des Spiels die Nebenmissionen trotzdem noch in Angriff nehmen.

Ein kleiner Hinweis: Wolfenstein 2 bietet sich sehr dafür an, dass man zwei Durchgänge wagt. Dank der zwei unterschiedlichen Zeitlinien, deren Anfang in Wolfenstein: The New Order gesetzt wird, verändern sich einige Zwischensequenzen und Dialoge sehr deutlich.

idTech 6 einsatzbereit!

Technisch vertraut Wolfenstein 2 nicht mehr auf die idTech 5 Engine des Vorgängers, sondern auf den direkten Nachfolger, der schon in Doom zum Einsatz gekommen ist. Die idTech 6 setzt komplett auf den “Open GL”-Nachfolger Vulkan und das macht sich bemerkbar. Auf meinem Rechner mit einem Ryzen 5 1600, einer AMD Radeon RX 480 (8 GB) und 16 GB Arbeitsspeicher läuft Wolfenstein 2 auf maximalen Einstellungen durchgängig mit weit über 60 Bildern pro Sekunde. Klingt gut und sieht auch gut aus, obwohl Wolfenstein 2 kein enormer Leckerbissen ist. Hier und dort treffen wir auf teils sehr enorm matschige Texturen, welches von den Entwicklern mit einer dichten und eindringlichen Atmosphäre meistens gut kaschiert wird. Punkten kann Wolfenstein 2 auf der anderen Seite mit tollen Licht- und Schattenspielereien, sowie ansehnlichen Partikeleffekten. Auch die Animationen sind oftmals sehr gut, obwohl zumindest in der deutschen Version die Lippensychronität nicht immer gegeben ist.

Zum Testzeitpunkt kämpft Wolfenstein 2 jedoch immer mal wieder mit Abstürzen, die sehr zufällig wirken. Immerhin einen Fehler konnte ich oft reproduzieren: Das ständige Ändern von V-Sync oder anderen Einstellungen kann dazu führen, dass Wolfenstein 2 den gesamten Rechner einfriert – hier muss dringend ein Patch her! Zum Glück kann in Wolfenstein 2 jederzeit frei gespeichert werden (am PC sogar mit Quick Save und Quick Load!), wodurch der Spielverlust sich in Grenzen hält.

Fazit

Ich habe Wolfenstein: The New Order 2014 nicht zu Release gespielt, sondern erst vor einigen Wochen intensiv nachgeholt. Ein Fehler, den ich mir leider eingestehen muss, denn der Vorgänger ist sowohl erzählerisch, als auch spielerisch verdammt super. Wolfenstein 2: The New Colossus macht genau dort weiter, intensivisiert seine Charaktere und seine Geschichte, hinterlässt ein mulmiges Gefühl und ist zu jeder Sekunde ein wahres Shooter-Fest.

Wolfenstein 2 zeigt mutig und risikoreich, dass die Zeit für das klassische Singleplayer-Spiel noch nicht vorüber ist. Machine Games liefert hier einen umfangreichen Ego-Shooter ab, der vollständig auf einen Mehrspieler-Modus oder sonstige nervtötende Ablenkungen verzichtet und inszeniert eine Geschichte, wie es sie in dieser Art und Weise nur selten gibt.

Ich hoffe nur, dass Bethesda trotz vielleicht ernüchternder Verkaufszahlen an seiner Singleplayer-Ausrichtung festhält und in Zukunft weiterhin Spiele wie Prey, Dishonored oder Wolfenstein 2 auf den Markt bringt. Es wäre ansonsten ein sehr, sehr großer Verlust.

Wolfenstein 2: The New Colossus

Wertung von Razyl - 9

9

Großartig

Eine Geschichte, die Dramatik und Humor in sich vereint, trifft auf ein actiongeladenes Shooter-Erlebnis, welches klassische Tugenden mit modernen Elementen verbindet - ein Highlight!

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Über Razyl

Razyl
1993 auf der wunderbaren Map "Krankenhaus" aufgetaucht und von Kindestagen an der irrwitzigen Welt der Videospiele erlegen. Abgesehen von typischen Adventures fühle ich mich fast in jedem Genre zuhause. Und trotz einer PlayStation 4 im Hause bleibt der PC die favorisierte Spieleplattform. Musikalisch tendiere ich ziemlich eindeutig zu (Deutsch-)Rap. Als nicht-so-großer-Fan der passiven Unterhaltungsform bevorzuge ich Sitcoms (Scrubs, Modern Family, Entourage, How I Met Your Mother) oder gebe ich mich hin und wieder einem E-Book hin.

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7 Kommentare

  1. bababa

    Ein besserer Shooter als Prey?! Wow

  2. Weasel455

    Wolf 2 ist für mich ein guter Shooter aber definitiv schlechter als NO und OB. Würde dem Spiel vielleicht eine 7/10. Das Gameplay ist zwar besser weils sie Bulletspoonges entfernt haben aber dafür ist das neue akimbo auswahl system absoluter mist. Das pacing der Geschichte ist noch schlimmer als in NO und das finale Level fühlt sich nicht wie ein Finale an. Ich war total überrascht als ich feststellte das ich im letzten Level bin.

    Normalerweise würde ich sagen man sollte auf einen Sale warten aber aufgrund der aktuellen Trends muss man jeden Singleplayershooter unterstützen der noch auf den Markt geworfen wird. Ich hoffe Bethesda springt nicht auf den Games as a Service Zug auf und die halbgaren Nebenmission sind keine Anzeichen neuer Geschäftsmodelle.

    • Razyl

      Während für mich TNO eher eine 8/10 ist, setzt Wolfenstein 2 noch einmal einen drauf. Akimbo nutze ich relativ wenig, weswegen es mich kaum betrifft (kann das aber nachvollziehen, fand das System aber schon im Vorgänger nur bedingt gut umgesetzt). Bin da dann doch eher oft geschlichen und habe leise die Typen umgenietet. Und ansonsten eher das Sturmgewehr einzeln genutzt. Fühle mich damit schlicht wohler. Obwohl ich zu Beginn noch mit zwei Maschinenpistolen unterwegs gewesen bin.

      Finde das Pacing auch angenehmer. In TNO musste ich mich durch die ersten Level wirklich zwingen, weil sie nicht gerade spannend sind. Hier trifft Wolfenstein 2 die einzelnen Punkte deutlich besser – oder eher wahnwitziger. Keine Ahnung was die Autoren bei Machine Games so zu sich nehmen, aber allzu gesund kann es nicht sein. :S

  3. Caspa

    Ich hab New Order und Old Blood (oder wie die hießen) damals zu Release gezockt und sehnsüchtig auf diesen Teil gewartet. Für mich bekommt das Spiel eine 10/10 ! Ich kann diesen ganzen Multiplayer scheiß eh nicht mehr sehen. Und das Angebot was es sonst gibt im Singleplayer ist eh der totale Müll. Hier hat man einen Super Shooter, geiles Gameplay, 2 Waffen gleichzeitig hab ich nicht benutzt, das haben se nicht so gut getroffen. Aber wer einen soliden Shooter mit abgedrehter Story will, sollte zu schlagen. Und immer dran denken, die Nazis sind Gott sei dank nicht an der Macht, und das erspart uns dieses ganze perverse im echten Leben ( in dem Teil wird nochmal ne Schippe von der Brutalität und Perversion raufgepackt, gut rüber gebracht MaschineGames) ! Also , kaufen kaufen kaufen

  4. Vielen Dank für das ausführliche Review.

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