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Horror mit Profil

Der moderne Horrorfilm hat ein Problem. Es fehlt ihm an Charakter oder besser: An Charakteren.

“….aber ich hab doch Charakter?”

 

Von den Anfängen bis in die späten Neunzigern hinein, war Horror größtenteils personifiziert worden. Bis auf wenige Ausnahmen, z.b. der absolute Klassiker “Bis das Blut gefriert.”(Aus den 1930er) welcher als massgebender Vertreter des Geisterhaus Subgenres gilt und, u.a., mit Liam Neeson als “Das Geisterhaus” neuverfilmt wurde, war Horror auf dem Rücken eines Antagonisten aufgebaut. Die Beispiele hierfür reichen von Nosferatu und Dr. Caligari über die Universal Monstergalerie bis zu den Slashern, um dann bei Torture Porn und modernen Horrorfilmen zu landen. Horror hatte immer ein Gesicht, manchmal ein maskiertes, zerschundenes, verbranntes oder entstelltes. Schaut man genauer hin, kann man allerdings das Echo der zeitpolitischen Entwicklung der jeweiligen Epochen erkennen. So treten in Zeiten von Unruhe und gesellschaftlicher Unsicherheit religiöse und fatalistische Themen in den Fokus. Als Beispiel ließe sich “Der Exorzist”, Rosemarys Baby oder “Die Augen der Sphinx” heranziehen, alle aus den Siebzigern. Angriff der Körperfresser ist als Verarbeitung der McCarthy Ära anzusehen, während “Das Ding”, im Original, für die Angst vor die Unterwanderung durch systemfeindliche Agenten steht. Horrorfilme haben schon immer als Katalysator gewirkt, erst in den frühen Siebzigern wechselte die Thematik aber von seichter Politik Persiflage auf knallharte religiöse Flucht. “Das Omen” oder “Blumen des Bösen” genau wie die unzähligen Exorzisten Filme sind ein Parade Beispiel für die Überforderung mit der politischen Lage innerhalb der Gesellschaft und die Suche nach klaren Feindbildern, da kommt Satan wie gerufen. Es ist wohl teilweise die Sehnsucht nach festen Strukturen, die diese Entwicklung unterstützt.

“Satan: Für eine Welt, in der wir gut und gerne leben.”

 

Wir stellen also fest: Horrorfilme spiegeln soziologische Transformationsphasen wieder. Wer aktuelle Beispiele sucht, wird schnell fündig. Der Markt ist nicht umsonst überflutet mit Exorzismus Filmen, von Conjuring über Diary of an Exorcist bis zu Paranormal Activity treibt der Teufel sein Unwesen. Dies bringt uns zum Anfang des Beitrags zurück: Horror hat ein Problem. Mit dem Erscheinen von “ES” wurde mir bewusst, wie sehr ich die Leichtigkeit und Unbeschwertheit des Genres vermisse. Wo ein Buhmann böses im Schilde führt und am Ende seine Strafe erhält, natürlich immer mit Stinger am Schluss um eine Fortsetzung zu gewährleisten. Es scheint, als sei dieses Subgenre nun in den Händen von kleineren Studios, wie u.a. Filme wie “Männer der Nachtschicht”, Hatchet oder Scouts Vs Zombies, zeigen. Das Festlegen auf ein personifiziertes Übel hat seinen Ursprung zwar auch in der Angst vor dem Beelzebub, wurde aber im Laufe der Jahre soweit abstrahiert, dass sich bis auf die Gesinnung kaum noch Gemeinsamkeiten finden lassen. Nach der Welle von Horrorfilmen, die sich auf urmenschliche Motive stützten, fand das Genre Ende der Siebziger seinen Weg zurück zum klassischen Antagonisten, nicht zuletzt dank John Carpenters “Halloween”, welchem es nach langer Durststrecke gelang, ein Monster im Geiste der klassischen Horrorfiguren wie Dracula, dem Werwolf oder der Mumie zu erschaffen. Michael Myers ist hierbei als eine Ursprungsidee für den unaufhaltsamen, erbarmungslosen Killer anzusehen. Dieser Idee folgend, kam es zu einer Revitalisierung des Genres, binnen kürzester Zeit traten mit Freddy Krüger (Ist übrigens wie mit Diane Krüger, später verschwand der Umlaut einfach), Jason Vorhees und Leatherface eine neue Generation von Monstern auf die Bühne. Die Achtziger waren, trotz dem kalten Krieg, eine Zeit in der Horror durch die neuen Masken und Special Effect die Aufmerksamkeit des Mainstreams erhaschte und dank Krieg der Sterne war der Hunger nach spektakulären Effekten größer als jemals zuvor. Ähnlich wie der Boom in den 5oern, welche zu großen Teilen William Castle und seinen genialen Gimmicks zu verdanken war, kam es erneut zu einer Horrorwelle. Anstatt Roger Corman wurde diese Welle von Wes Craven, Tobe Hopper, Sam Raimi und John Carpenter geritten, welche in einem Jahrzehnt die gesamte Landschaft des Horrorfilms maßgeblich veränderten. Zusätzlich gelang es Sam Raimi mit “Tanz der Teufel” dem, bis dahin kruden und unzugänglichen, Splatter Subgenre neues Leben einzuhauchen, nachdem dieses in den Siebzigern durch billigste Mondo Kannibale Filmchen beinahe vollständig die Bedeutung verloren hatte. Getoppt wurde Raimi dann aber von dem jungen Neuseeländer Peter Jackson, welcher mit Bad Taste und Braindead das Genre revolutionierte.

Danke, Peter.

 

Die Achtziger kann man als das neue goldene Zeitalter beschreiben, welches in der Tradition der ersten Horrorfilme für ein Umdenken sorgte. Es war eine Zeit des kreativen Wetteiferns, welches zu einigen der besten Horrorfilmen aller Zeiten führte. Die Neunziger waren anschließend, wie der Kater nach der langen Party. Die Impulse der Vergangenheit waren schwächer geworden und es fanden sich nur wenige, fähige Filmmacher für das Genre. Dennoch brachte die Dekade einige Perlen hervor, jedoch war ein erneuter Trendwechsel zu beobachten. Dank Ozonloch, HIV und Konsum, verschob sich der Fokus erneut. Die neuen, wilden Monster gehörten langsam zum alten Eisen. Obwohl sich Jason und Michael Myers weiterhin tapfer durch sexuell enthemmte Jugendliche schlachteten, ließen sie die Energie der früheren Jahre vermissen. An ihre Stelle trat eine Welle von Umwelt und Natur Horrorfilmen, wie sie in den Siebzigern bereits dank “Jaws” entstand. Von “Deep Blue Sea” bis Octalus schlug die Natur zurück. Beinahe beiläufig wurden einige klassische Figuren neu aufgelegt, z.b. in Bram Stokers Dracula. Rückblickend kann man sagen, dass die Neunziger vor allem experimentierfreudig waren oder besser: Immer auf der Suche nach dem nächsten, großen Ding. Das nächste große Ding war dann am Ende der Neunziger anfang der Zweitausender gefunden: Der Mensch. Nicht zuletzt dank Eli Roth’s Hostel Filme feierte der Splatter erneut erfolge, auch SAW erfüllte die neue Lust auf neue Extreme. 2000 – 2017 entwickelte sich nun zu einer Mischung aus Folter Porno, Found Footage und anschließend wieder in eine religiöse Richtung. (Dies ist natürlich stark verkürzt, die vergangen 17 Jahre beinhalten einige fantastische Horrorfilme und bietet ein vergleichbar reiches Angebot an Horror wie in den Achtzigern. Allerdings würde es den Rahmen sprengen, nun alle aufzuzählen.)

Eli Roth. Der bärigste Jude seit es Bastarde gibt.

 

In den 1930ern waren Horrorfilme ein Blick ins Gesicht des Grauens. Danke Dracula, Frankensteins Monster, der Mumie, dem Wolfman etc. Diese Figuren umgibt eine Würde, etwas ehrfurchtgebietendes. Später wurde dies dann abgemildert mit Humor oder überzogener Gewalt. Was heute also fehlt, ist eine Rückkehr zu den Wurzeln. Horror kann mehr sein, als die Angst vor dem Teufel oder der Natur. Es kann Spaß machen, einem Bösewicht zu zujubeln. Filme wie ES, Behind the Mask, Hatchet, Stitches oder Cabin in the Woods zeigen uns ein “Monster” bei dem es Freude macht zu zuschauen, wie es die Helden jagd. Die Welt ist grausig genug: Menschenhandel, Vergewaltigungen und Perversion ist ein kleiner Teil dieses Grauens, umso wichtiger ist es, dass sie Ausdruck in Filmen finden, ABER man sollte bei all diesem realen Horror nicht vergessen, dass auch Horror von Kreativität lebt, von Spaß am Terror. Der Film Krampus oder Christmas Horror, sind gut Beispiele für einen geradezu kindlichen Umgang mit dem Schrecken, welcher vor allem eines ist: Freude am Verderben. Das mag Nihilistisch klingen, ist aber Optimistisch. Denn man sollte nie vergessen: Pessimisten entdecken jeden Tag auf’s neue, dass die Welt schrecklich ist. Optimisten hingegen, wissen, dass die Welt schrecklich ist, und haben gelernt es zu akzeptieren. Figuren wie Freddy, Jason und Michael zeigen uns: “Ja, es ist grausam, aber es ist nur ein Film. Warum also keinen Spaß haben?” Bei all den Zukunftsängsten heutzutage, tut uns ein Film wie ES einen Gefallen, indem er uns ablenkt und sagt: “Trump ist gruselig, aber es könnte schlimmer sein. Schau mal, da frisst ein Clown/Monster Ding Kinder.” und wir lachen, weil Pennywise, im Gegensatz zu Trump, wenigstens vor dem Guten und Reinen kapitulieren muss. Das können Horrorfilme nämlich: Uns vermitteln, dass es Hoffnung gibt oder, dass das Universum auch ohne uns klar kommt. Beides irgendwie beruhigend.

 

Jeder sollte übrigens “Monster Squad” gucken. Ist ein geiler Film.

Über BoB

BoB
BoB lebt in Bremerhaven unter einer Brücke zusammen mit einer Familie Waschbären, seiner Lektorin Somiaa und einem toten Junkie, Liebevoll "Uwe" genannt. Alle beteiligten mögen: Lesen,Reiten und Lesen.

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Das Buch des Todes – Tanz der Teufel.

Hinweis: Der folgende Artikel bezieht sich auf die, in Deutschland legal zu erwerbende, geschnittene Fassung …

2 Kommentare

  1. Crystal.T.V

    ” Horror hatte immer ein Gesicht, manchmal ein maskiertes, zerschundenes, verbranntes oder entstelltes.”
    Unsinn, das einzige wovor ich mich immer gegruselt habe waren Jump-Scares!

    • BoB

      Da hast du dich vielleicht erschreckt, aber sich gruseln und sich erschrecken sind zwei Paar Schuhe. Wenn ich dir einen Ball an den Kopf werfe, ist es etwas anderes, als wenn ich dir sage, dass in dir ein Tumor mit Zähnen wächst.

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