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Preach it, Prediger.

Jesse Custer, Tulip und Cassidy sind mitten in der 2. Staffel Preacher. Zeit diese Serie mal genauer zu betrachten. Übrigens: In der ersten Staffel explodiert Tom Cruise.

Garth Ennis, seines Zeichens Autor für Comics wie Judge Dredd oder Sinister&Dexter, erschuf für die DC Tochter: “Vertigo”, die Figur des Jesse Custer, fragwürdiger Held der Preacher Comics. Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen entschloss sich Ennis die Religion als Kern der Geschichte zu wählen. Fragen die in der Sonntagsschule eher für Abmahnungen gesorgt hätten, wollte er hier wenigstens für sich selbst aufarbeiten. Preacher war von Ausgabe 1 an kontrovers betrachtet worden. Die Kombination aus Gewalt, Sex, Flüchen, Ketzerei und Gott waren für viele Amerikaner zuviel des Guten. Dennoch gelang es Preacher durch seine aussergewöhnlichen Charaktere und Geschichten immer mehr Leser zu gewinnen.
Der Comic dreht sich um den Prediger Jesse Custer, welcher mit seinem Glauben hadert und versucht seine Vergangenheit hinter sich zulassen. Begleitet wird Jesse von Tulip, Jesses Ex Freundin “Schrägstrich” Auftragskillerin, die wieder in sein Leben stolpert und Cassidy, der Weißwein Liebhaber und Bram Stoker Hasser.
Vielleicht fällt auf, dass ich vermeide mehr ins Detail zu gehen. Das liegt zum einem daran, dass ich Preacher für eine der besten, schockierendsten und witzigsten Comicserien der letzen 20 Jahre halte und zum anderen das jedes Detail über die Charaktere zuviel verraten würde.
Man kann aber über die wichtigste Figur im Comic reden. Der Süden der USA aus Sicht eines Irischen Autors. Die Welt von Preacher ist immer mit einem schmutzigen, öligen Film überzogen. Brennende Sonnenstrahlen treffen kargen Boden, die Einwohner der Orte sind so degeneriert wie die Pflanzenwelt. Moralisch wie auch geistig. In Preacher ist das Gute bestenfalls Grau. Der Alkohol ist billig wie die Frauen, die ihre gelben Zähne zu einem Grinsen verzerren. Waffenverrückte Nazi hängen kleine Kinder an schiefen Bäume auf, während ihre Frauen zuhause Sex mit einem Schwarzen haben.

 

Die Serie steht unter einem guten Stern, mit Garth Ennis und Steven Dillion, den beiden Vätern des Comics, als Beteiligte und einem erstaunlich fokussierten Seth Rogen als Regisseur. Die Darsteller weichen optisch vom Comic ab und das ist gut so, da hier eine eigenständige Variante von Preacher entsteht und keine 1:1 Umsetzung. Ich würde sogar sagen das,dass Casting besser nicht hätte sein können. Dominic Cooper (Howard Stark im MCU) als Jesse Custer ist eine ausgezeichnete Wahl. Ebenso Psyboy aus Misfits, der Schauspieler dessen Name ich stets vergesse und immer zu faul bin zu googlen und dessen Name ich auch jetzt aus Trotz nicht nachschaue, als Cassidy ist eine Offenbahrung.  Einzig Tulip ist am Anfang der Serie etwas anstrengend. Dies liegt an der Neudefinierung ihres Charakters. Im Comic ist Tulip nicht freiwillig auf die schiefe Bahn gekommen, sondern durch eine verkettung von unglücklichen Umständen dort gelandet. Dies resultiert in einem Charakter, der abhängig von der Situation reagiert. In den Anfängen der Serie lässt Tulip allerdings einen Hang zur Kriminalität heraushängen, sowie ein nervendes Maß an “Poster Feminismus”. Tulip in der Serie reagiert nicht auf die Umwelt, sondern ist permanent im “Verbrecher”-Modus. Dies schwächt den, im Comic, gut gearbeiteten Charakter und sorgt manches Mal für ein geseufztes “Komm mal klar, Mädel.”

Dominic Cooper als Jesse Custer

Die Serie hat sich, nun in der Mitte der 2.Staffel angekommen, immer weiter von der Comic Vorlage entfernt. Wir erleben zwar bekannte Charaktere und gelegentliche Szenen aus der Original Geschichte, sowie einige kongenialen Verweise, aber im Grunde hat sich die Serie von der Vorlage emanzipiert. Dies ist ein Vorteil, da nun auch alte Fans mitfiebern dürfen, was denn als nächstes passiert. Die erste Staffel hat sich, für meinen Geschmack, etwas zuviel Zeit mit der Charakterisierung genommen und der Handlung damit geringfügig geschadet.  Es lässt sich vermuten, dass dies dem niedrigen Budget geschuldet war, auch wenn dennoch einige drastische Szenen ihren Weg in die 1.Staffel gefunden haben, fehlte es doch ein wenig an Fluß und Geschwindigkeit. Die 2. Staffel korrigiert diesen Fehler, indem sie klare Antagonisten einführt und aufbaut. Da wäre zum einen “Der heilige der Killer” der die erste Hälfte der neuen Staffel dominiert, nicht zuletzt dank dem gewohnt stoischen Spiel von Graham McTavish, bekannt u.a. aus Punisher -Warzone und Book of Eli, ist es eine Freude den “Heiligen” bei der Ausführung seines Auftrags zu beobachten. Die zweite Hälfte der Staffel scheint sich nun auf Starr zu fokusieren, dieser weiß durch seine kaltblütigkeit und effizienz zu begeistern. Dies verdeutlich vorallem aber, dass die 1. Staffel einen Mangel an wirklichen Antagonisten hatte. Zwar gab es die Engel und Quincannon, diese wirken aber rückblicken leider etwas blaß und nicht ausreichend bedrohlich. Die Serie führt ebenfalls neue Konzepte und interessante Spielweisen bekannter Ideen ein. Langsam aber sicher, entwickelt sie den selben Reiz, denn auch der Comic auf seine Art ausübte.

Stilistisch ist die Serie stimmig. Der Bildaufbau, die Schnitte sowie der Soundtrack geben den Kulissen und Drehorten den nötigen Charakter und erzeugen eine Atmosphäre von Korruption und Verfall. Man sollte hier nochmal Seth Rogen loben, dessen Auge hervorragend die nötigen Details einfängt um die Serie von anderen Produkten zu unterscheiden. Für jemanden wie mich, der Seth nur als kiffenden Fettsack neben James Franco kennt, ist dies wohl die größte Überraschung der Serie.

 

Solltest du, werter Leser, interesse an schrägen Handlungen und schrägen Charakteren, sowie einigen kreativen Ansätzen bezüglich Religion und der Menschheit haben, gib der Serie eine Chance.

 

Über BoB

BoB
BoB lebt in Bremerhaven unter einer Brücke zusammen mit einer Familie Waschbären, seiner Lektorin Somiaa und einem toten Junkie, Liebevoll "Uwe" genannt. Alle beteiligten mögen: Lesen,Reiten und Lesen.

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2 Kommentare

  1. Flashpinguin

    Dieser Artikel erinnert mich an frühere Tage, an denen BoB noch in unserem Forum gelebt hatte, weil es dort ruhiger war als in der Außenwelt und ihn niemand kritisieren konnte.

    Damals freute er sich darüber, dass der Comic Preacher eine Serie auf AmazonPrime bekommt. Ich dachte mir “Hmm, das klingt eigentlich genau nach meinem Ding.” Mittlerweile macht es mir sorgen, dass BoB und ich uns so ähnlich sind, denn meine Kritikpunkte fallen ähnlich aus. Die erste Staffel hatte hier und dort die ein oder andere Folge wo man dachte “musste das jetzt 50 Minuten lang sein? Das hätte ich dir in 10 gemacht” und als Zuschauer wusste man nicht genau, wohin die Serie wollte. Man hatte weder gute Antagonisten, wie BoB es schrieb, aber auch kein Ziel vor Augen, was unsere Protagonisten erreichen wollten.

    So war man darauf angewiesen, dass Folge für Folge einen alleinstehend überzeugen musste, da der große Rahmen drumherum fehlte und das konnten einige Folgen eben nicht.

    Ab der zweiten Staffel hat man nun endlich ein Ziel, dass so erreichbar ist wie das One Piece, aber ein Ziel ist und dazu kommen Folgen, die von vorne bis hinten mit Inhalten gefüllt sind, die einen inhaltlich und optisch überzeugen.

    Man, sogar der kleine Teaser-Trailer den ich mindestens 30 mal schon auf Twitch sehen durfte ist so gut, dass ich mich immer gefreut habe wenn er lief! https://www.youtube.com/watch?v=VVzcn3svuu4

    Auch Tulip ist mittlerweile ok und hat ihre Daseinsberechtigung, während ihre einzige Rolle in der ersten Staffel war “Hey Jessie, erinnerst du dich an früher” zu sagen.

    • BoB

      Die gute, alte Forumszeit. Es ist fast so, als hätte ich diesen Beitrag von dort geklaut und überarbeitet, weil ich vergessen hatte einen Artikel vorzubereiten.

      Im Moment hoffe ich für die Serie auf zwei Dinge: Angelville + Good ol’ Boys in einer coolen, neuen Variante und das Ende der Blutlinie. Sollten diese Handlungsfäden gelungen sein, wird es meine Serie des Jahres.

      Danke für den Kommentar. Den von damals im Forum. Ohne den wäre ich nicht für die Seite tätig geworden.

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