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Den Pokémon-Spielen verdanke ich meine Träume

Als ich das erste Mal Pokémon gespielt habe, fürchtete ich, dass ich mir in die Hosen pisse. Ein paar Jahre zuvor, ich weiß nicht mehr genau, wie jung ich war, da besuchte ich einen Ponyhof, und während ich das erste Mal so “großen” Tieren begegnete und das mein erster Ausflug ins Unbekannte war, sprach wohl irgend etwas in meinem Kopf: “Ja gut, die Ponys hier, die sind schon derbe groß. Da musst du dir vor Angst wohl in die Hose pinkeln.” Gedacht, getan. Ich wollte nur noch weg, einfach abhauen, viel zu peinlich war das für ein kleines Kind mit einem dunklen Fleck auf der orangenen Hose (Orange? Ja, ich weiß, ich war ein Modeopfer). “Muskel bekackt” sagte ich statt “Muskel bepackt” bei einem großen Vortrag – bis zu diesem Tag sollten die Ponys mein peinlichstes Erlebnis sein.

Ich weiß nicht mehr genau, ob ich zunächst die TV-Serie entdeckte oder die ersten beiden Spiele Rot und Blau für den Game Boy. Leicht unwohl fühlte mich aber ganz sicher bei dem ersten Kontakt, weil diese hyperaktiven Monsterchen mich an den Ponyhof erinnerten und die Tiere dort, mit denen ich mein erstes (feuchtes) Abenteuer verbinde. Hunderte Stunden mit Pixeln, Animes und Karten vergeudend, fand ich Ponys dann nicht nur verdammt langweilig – mein erster großer Traum war geboren: Abhauen und die Welt bereisen. Nur wusste ich das damals noch nicht.

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Bis heute keimt in mir das Verlangen, mit steifem Mittelfinger der mir vertrauen Umgebung Lebewohl zu sagen und dorthin zu gehen, wo das Navigationssystem streikt – wenn ich denn überhaupt eines mitnähme, weil es dann doch den Sinn vom Abenteuer ein bisschen verfälscht und ich dann ohnehin beim nächsten McDonalds landen würde. Weg von allem, von meiner Familie, meinen Freunden, meiner Heimatstadt. Mit einem Wohnmobil (oder für mehr Nervenkitzel: per Anhalter oder was da eben so herumsteht) möchte ich ans Ende der Welt und wieder zurück, sicherlich mit einem Abstecher in die goldene Mitte. Egal wo ich bisher wohnte, nie kehrte Ruhe oder Glück ein oder so ein Gefühl, das beschreibt: Das Leben gehört dir. Das stärkte eine Art Instinkt in mir, der mir zu verstehen gab: Wenn du dein Glück nicht an Ort und Stelle findest, suche weiter – auch in der modrigen Gasse in einem fernen Land. Aber such endlich, du faule Sau!

Egal was ich bislang anpackte, egal wie viel ich dafür arbeitete, immer nahm das Schicksal mir irgendetwas weg und nährte meinen Wunsch nach naiver, unüberlegter Flucht. Wäre das Schicksal eine Person, die ich dahinten bei dem Drogendealer oder da drüben im Puff treffen könnte, schließlich hält sich das Schicksal nicht an so noblen Orten wie Museen oder Universitäten auf, weil das Schicksal ein ziemlich mieser Wichser ist, also, könnte ich dem Schicksal als Person gegenübertreten – ich würde lediglich fragen: warum?

Aber was sind schon die Probleme eines privilegierten Weißen in Deutschland, wenn anderswo Schwarze ihre Leben auf Knien verbringen, weil Polizisten die Rolle der Gangster übernehmen? Vor allem: Das hier ist ein Artikel über Pokémon. Haha! Aber kein Spiel transportiert eine derart frohe, so unverschämt naive und doch unendlich wichtige Botschaft wie Pokémon Weiß. Hier, ich hab’s gesagt.

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Ein Spiel für Kinder sei das ja und gar nicht ernstzunehmend, weil die Call of Dutys dieser Welt eher etwas für Erwachsene sind, mehr Anspruch in der Spielmechanik erfordern und auf Köpfe gerichtete Scharfschützengewehre mehr mit Stil gemein haben als Pokébälle. Töten und getötet werden, das ist der heiße Scheiß der Videospielbranche, geradezu euphorisch gefeiert zuletzt bei der Branchenmesse E3, wo knallharte Typen mittlerweile auf knallharte Weiber treffen, die vom Alter her aber eher wie 16 wirken und somit den Pädobär hinaufbeschwören.

Von subtil hat sich die Pokemon-Marke seit jeher weit entfernt, war tatsächlich noch nie nah dran. Teenager eben, die das Zuhause verlassen und mit ihren Pokémon die Welt erkunden – das ist das große Ganze in eigentlich jedem Spiel. Die Kämpfe, das Training, die Sammelwut, es bleibt für mich nur ein komplettierender Nebenaspekt des großen Verlangens nach der wilden, unbekannten Welt.

Keiner der beteiligten Figuren im Spiel hadert mit dieser Entscheidung: Ich bin noch ein Kind und haue jetzt ab. Die Mutter sorgt sich zwar, in einem Rahmen aber, der nie zum Hindernis wird, im Gegenteil: Sie selbst trat diese Reise einst an. Sie weiß, worum es geht. Sie kennt das große Ganze bereits. Zwei meiner Freunde begleiten mich, nicht immer zwar, doch der Zufall will es so, dass wir uns öfter treffen als mir lieb ist. Die eine gleicht einer verplanten Studentin, die nach dem zwölften Semester endlich den Abschluss schaffen will, doch als Erotik-E-Book-Bestseller-Autorin zu wenig Zeit hat; der andere wird vom Wahn zum maximal Starken gepeitscht.

Mein Charakter hingegen: Er hält die Klappe. Ein Gefäß, mit dem ich mich nicht identifizieren kann, weil es kein Leben in sich trägt; umso mehr wächst mir meine Figur ans Herz, weil ich, ich allein es bin, der jedem Charakter individuell begegnet – ganz ohne Dialogfenster. Ich bin es, der da draußen in der wundersamen Welt der Pokémon allein umherirrt und mir meine eigene Meinung bilde. Zum Leidwesen meiner Nerven, weil die angeschnittenen Themen vielfältiger sind als mein kindliches Ich es je zu träumen wagte. So kam es, wie es kommen musste: Als ich vor Jahren den neuen Ableger Pokémon Weiß spielte, stand ich auf mit dem Ziel: Das Leben fickt dich, aber fick nicht zurück (Hallo Herpes!), sondern nimm die Socke aus dem Maul, ziehe dir eine Hose an und befreie dich von den Fesseln. Ich kam lediglich bis zur Haustür, und die war auch noch verschlossen. Mich hinderte besonders ein Gedanke: Ohne Vorbereitung landest du an einem gottverlassenen Drecksörtchen, in dem der Bürgermeister seine Schwester mit essbaren Unterhöschen beschenkt, weil sie auch seine Geliebte ist.

Wie in jedem Pokémon-Teil taucht auch in Schwarz und Weiß bald die Organisation auf, die als Antagonist auftritt. Ihr Anliegen: Die Pokémon vom Joch der Menschen befreien. Wir lassen sie gegeneinander kämpfen, wir halten sie als Sklaven, nutzen sie als Arbeitstiere, kompensieren unsere Probleme, lassen sie Haushalt und Garten pflegen, Hochhäuser und Straßen bauen, wir lassen sie für uns schwitzen und hecheln, brüllen ihnen Befehle zu, lehren und belehren sie, doch nur eines machen wir nicht: In Frieden mit ihnen leben. So überspitzt das auch sein mag, ist es sofortige Realität in der so herrlich nüchternen Inszenierung dieser Spiele. So von wegen: „Ihr sorgt euch nicht um eure Pokémon, also habe ich hier hundert frustrierte NPD-Idioten, die meiner brillanten Rhetorik folgen und euch als Sklavenhalter bezeichnen, ihr Ficker!“ Tatsächlich folgt dieser leicht durchschaubaren Präsentation eine intensive Auseinandersetzung mit den angeblichen Zwängen, an denen unsere Pokémon hängen. Je eher man bereit ist, sich dem hinzugeben, desto schneller merkt man erneut, wie ehrgeizig die Entwickler Game Freak eine Geschichte von Bedeutung, von manchmal subtiler Intelligenz erzählen möchten. Auch hier merkte ich das erst Jahre später.

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Jeder neue Charakter, jeder zaghafte Dialog beschreibt die Essenz von einer starken, selbstbewussten Generation an Jugendlichen, die ihren Eltern bewusst und mit Erlaubnis entfliehen. Nur ist das in der Pokémon-Reihe nie eine Flucht, nie so etwas wie ein konstruiert wirkender Plot, an dem sich die Entwickler hängen (und schließlich verheddern); keiner der gezeigten Figuren handelt aus Zwang, tatsächlich begibt sich auch niemand in eine perfekte Scheinwelt, die am Ende meist typischer Videospiele wartet. In weniger als fünf Minuten steht dem Spieler der erste Kampf bevor, alleingelassen im Vorhof zur Welt. So verflixt rasant überforderte nur Nintendo seine Spieler, damals, als viele Kinder mit Pokémon Blau oder Rot das erste Videospiel ihres Lebens in der Hand hielten, um nach dem ersten wilden Tier zwar zu wissen, was ein Tackle ist, sie aber nicht verstanden, wie zum Teufel das gerade funktionierte.

In Pokémon zählt selten das Warum. Viele Käufer der gegenwärtigen Editionen spielen nicht das erste Mal einen Pokémon-Teil, und genau deswegen, weil ihnen der Inhalt bekannt ist, kehren sie jährlich zurück: Weil das Wie mehr zählt als das Warum. Man will staunen ob der neuen Arenen, der veränderten Welt, der neuen Pokémon, der Fähigkeiten, Gegenstände und Geheimnisse, man will jauchzen, weil man wieder eine Reise antritt – die eine, große Reise ins Abenteuer, in dem die Gefahren und die Probleme längst bekannt sind, aber anders wirken, andere Lösungen benötigen und so letztlich dem Abenteuer Sinn schenken.

Das vielleicht größte Geschenk von Pokémon ist somit seine Unbekümmertheit. Scheinbar alles geschieht mit Sinn und Zweck, böses Blut fließt nie. Die Bösen und die Guten agieren in zwei Lagern, die zu jeder Zeit und nach jeder Handlung klar zu erkennen sind. Es vergingen Jahre bis ich erkannte, dass das im kindlichen Blick auf die Geschichte stimmen mag, aber viel mehr als ein simples Schema dahinter steckt. Pokémon Weiß lächelt dir milde zu, klopft dir auf die Schulter und bejaht alles, was du in deiner To-Do-Liste stehen hast; du schaffst das, will dir das Spiel sagen, ich helfe dir dabei.

Will man zwangsläufig vor etwas fliehen, wenn man sein Leben in jeder Hinsicht an einem neuen Ort ändern will? Die Flucht vor den Problemen, der kaputten Gesellschaft, der eigenen Vergangenheit? Pokémon zeigte mir: Du brauchst keinen Grund, um dich loszusagen von deinen Wurzeln oder dem, was dich am Beginn eines neuen Lebens hindert. Bislang dachte ich, ich brauchte einen Grund, um meiner Wirklichkeit zu entfliehen, damit ich mich verteidigen konnte vor denen, die mich für mein Vorhaben verurteilten. Ich haderte jahrelang, bis der Punkt kam, an dem ich und nur ich allein das finden muss, was mich antreibt, morgens – trotz üblem Mundgeruch und Morgenlatte – mit einem Lächeln aufzustehen. Egal ob in meiner Wohnung oder einem Zelt mitten im Wald.

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Als vor einigen Jahren eine gute Freundin starb, flüchtete ich mich in eine Welt fernab der Realität, in der nichts Schreckliches passierte. Niemand starb dort, und ich redete folglich mit niemandem darüber, wie es war, einem Menschen beim verrecken zu beobachten. Hätte es einen besseren Menschen aus mir gemacht, wenn ich einfach verschwunden wäre? Vermutlich nicht. Aber Pokémon Weiß und die anderen Editionen lehren: Es ist egal, warum oder mit welchem Erfolg du aufbrichst – es zählt vielmehr, dass du es tust, weil du es willst und es nie einen Grund dafür geben muss.

Jetzt will ich es wieder. Auf und davon, fremde Kulturen kennenlernen, von Tag zu Tag leben, mein Traum erfüllen. Es mag in Pokémon zu leicht erscheinen, wie diese Kids ihr Leben bestreiten, deshalb ja die allgemeine Kritik an der Handlung. Sobald das erste Pokémon im Kampf unterlag, ich meinen Orden nicht bekam oder mich Hals über Kopf verlaufen habe, merkte ich jedoch, dass mich das Spiel immer wieder auf den Boden zurückholt, dort, wo ich realistisch einschätzen konnte, wie ich mein Abenteuer, mein digitales Leben weiterführe.

Diese Eigenschaft muss ich mir noch aneignen, und wenn ich das geschafft habe, verdanke ich den Pokémon-Spielen mehr als ich mir zugestehen möchte. Und dann, wer weiß, vielleicht morgen, vielleicht in einem Jahr, da werde ich weg sein. Ich weiß nicht wohin ich gehe, mit wie viel Vorbereitung, mit wie viel Angst oder Bedauern oder aus welchem Grund, aber Pokémon Weiß kennt auch hier einen Rat: Du wirst auf die Fresse fallen, aber das ist okay, nun stehe wieder auf. Das klingt so simpel, so heruntergebrochen auf billige Kalendersprüche, dass es nie einer Situation gerecht werden kann.

Aber das ist mir egal. Ich muss es mir selbst beweisen. Das ist die Essenz von Pokémon: Du bist nur dir selbst Rechenschaft schuldig. Gut, sage ich, auf geht’s. Manchmal ist der sorglose Abgang ins Ungewisse der beste Weg, damit man lernt, das Leben zu lieben – oder eben noch mehr liebt.

Ich hoffe nur nicht, dass ich auf meiner Reise an einem Ponyhof vorbei komme.

Über Jannick

Jannick

Seit 10 Jahren schreibe ich über so Dinge. Damit verdiene ich übrigens auch mein Geld. Viel ist es nicht, aber manchmal reicht es für sehr legale Substanzen, die ihr meinen Artikeln anmerken werdet. Und was noch so? Seit über acht Jahren spiele ich Theater, bin Autor eines Theaterstückes und stand auch schon in Russland auf der Bühne. St. Petersburg, ey, was für eine Stadt. Jedenfalls: Ich mag Filme und Videospiele und hoffe, irgendeine Sau liest das hier endlich.

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5 Kommentare

  1. Serratus

    Huhu Jannick,

    gerade deinen Text fertig gelesen. Pokemon als eine Art Pilgerfahrt bzw. Reise zur Selbsterkennung zu sehen ist interessant. Es ist lustig so einen Text jetzt zu lesen, wenn man selbst gerade dabei ist sein Leben zu überdenken und sich die Frage stellt: “Wer bin ich?”.
    Ein recht vielschichtiger Text. Doch kam mir beim Lesen immer wieder das Gefühl auf, das der Text von einer Person geschrieben wurde welche leidet bzw. negative Erfahrungen gemacht hat mit seiner Umwelt und mit sich selbst. Und so wirkt auch dieser Text bzw. diese Person auf mich: ein wenig deprimiert, verloren, einsam mit den Wunsch jegliche Last von den Schultern abzuwerfen um ab sofort nur noch seinem Herzen zu folgen. (Bitte nicht böse verstehen).

    PS: “der andere wird vom Wahn zum maximal Starken gepeitscht” Irgendwie habe ich das Gefühl das du Christian damit meinst^^. Oder irre ich mich?

    Hoffe man hört wieder mehr von dir!
    MFG René

    • Jannick

      Danke für deinen Kommentar. 🙂

      Eigentlich war es gar nicht geplant, dass dieser Text so rüberkommt. Meine Stimmung ist derzeit zwar nicht die beste, das gebe ich zu. Aber diesen Gedanken, mich einfach von allem zu lösen, hatte ich auch in guten Zeiten, damals noch mit meiner Ex-Freundin. Wir wollten uns irgendwann ein Wohnmobil kaufen und einfach durch die Gegend fahren, ohne Ziel, ohne Grund, einfach mal die Welt erkunden. Dass dieser Text sich nun ein wenig anders liest, mag wohl an einigen Dingen liegen, die derzeit so passieren.

      Und nein, damit meine ich nicht Christian. 😀 Vielleicht habe ich das blöd beschrieben, aber damit meine ich einen der beiden Charaktere, die dir in Pokemon Weiß ständig über den Weg laufen.

  2. Likz

    Sehr schön geschrieben. Es ist, als würde ich meine eigenen Gedanken lesen.

  3. Sorigal

    Ein sehr ergreifender und persönlicher Text, besonders wenn man zwischen den Zeilen liest 😉

    Vielleicht einen Tick zu lang, was das Gesamtbild jedoch nicht schmälert 🙂

    PS: Wo wohnst du eigentlich? Vielleicht wohnt man ja in derselben Stadt und könnte was zusammenzocken oder sich über gewisse Themen austauschen 🙂
    Auch wenn das sehr aufdringlich ist… 😀
    Zur Not per privater Nachricht, falls es hier so etwas gibt ^^

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