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Filmkritik – Blue Ruin: 96 Hours für Fortgeschrittene

Seit 96 Hours reiht sich ein Rache-Killekilledingdong-Film an den nächsten. Vermeintliche Charakterdarsteller wüten und töten in der Rolle pensionierter Killer, wo aber die Rache am interessantesten wird, dreht jeder Film sich weg – wenn es nämlich zu den Durchschnittlichen unter den Menschen geht. Dort, wo Vergebung und Hass nicht in zwei verschiedene Handlungen mit jeweils zwei Zielen definiert und erzählt werden kann. Ein Rachefetzer ist Blue Ruin somit nicht; endlich wagt sich ein Film an die Gefühle jener, die nicht per Großangriff zurückschlagen und jede noch so große Verschwörung aufdecken können, um ihren Platz in der Reihe der Gerächten zu finden. Blue Ruin ist reines, schmerzlich anzusehendes Kino über das Böse in uns.

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Herunter gekommen auf der fast letzten Ebene des Seins lebt Dwight (Macon Blair) so vor sich hin. In seinem Wrack von Auto pennt er, während er mal hier, mal da in Häuser einbricht und badet, sofern die Familien denn gerade nicht im Hause sind. Insofern ist Dwight ein krimineller, aber doch anständiger Typ, jemand, der des (Über-)Lebens wegen minimal an der Illegalität kratzt. Das hält nur solange, bis er das hört, was er womöglich all die Zeit im Autowrack zu vergessen versuchte und ihn selbst zum Wrack machte: Der Mörder seiner Eltern kommt aus dem Gefängnis. Und nun? Rache.

Kein Ende in Sicht

In jedem üblichen Hollywood-Nonsens-Schinken käme nun ein Schlachtfest dabei heraus. Regisseur Jeremy Saulnier allerdings bietet seinem Antihelden genug Situationen, damit er scheitert – eben so, wie jeder normale Mensch abseits der Profikiller scheitert; wie eine übliche Handfeuerwaffe funktioniert oder wie man am besten sein auserkorenes Opfer umbringt, das sind essentielle Dinge, die Dwight entweder gar nicht oder nur zum Leidwesen seiner eigenen Person hinbekommt. Sein Weg führt ihn tiefer und tiefer in die Gewaltspirale, die keine Vergebung und erst recht kein Ende findet.

All die Takens oder Gunmans dieser Welt sind Filme für Action-Romantiker, die an der Oberfläche die verlogene, aber für sie einzige Welt sehen. Blue Ruin hingegen zelebriert seinen Rächer als bereits zuvor Gescheiterten, der die Konsequenzen seiner Handlungen schlichtweg nicht kennt oder erahnt. Ohne Kompromisse zieht Saulnier seine Charaktere ins Verderben, bricht das Gewissen von Dwight und füllt es mit dem Wunsch nach Rache, bis am Ende der Song “No Regrets” läuft. Oh, wie passend.

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Mit seiner zähen Lakonie und durchaus tragikomischen Grotesken mag Blue Ruin an die frühen Werke der Coen-Brüder erinnern, doch vollzieht er ganz eigene Bahnen durch die oftmals triste Landschaft der Rachemotive in Hollywood. Reue, Rache, Hass, es ist so viel komplexer, als man es uns weiß machen will. Auch Dwight weiß das. Nicht von Beginn an, aber vor der letztlichen Konfrontation mit seinem Schmerz ahnt er, dass Vergeltung niemals nur mit dem Tod jener endet, die es verdient haben.

Ein wahrlich eigensinniger, herausragender Film.

Blue Ruin, 2013 USA – Regie und Drehbuch: Jeremy Saulnier – Darsteller: Macon Blair, Devin Ratray, Kevin Kolack, Eve Plumb – Kamera: Jeremy Saulnier – Musik: Brooke Blair, Will Blair – FSK 16 – Laufzeit: 94 Minuten

Trailer

Über Jannick

Jannick

Seit 10 Jahren schreibe ich über so Dinge. Damit verdiene ich übrigens auch mein Geld. Viel ist es nicht, aber manchmal reicht es für sehr legale Substanzen, die ihr meinen Artikeln anmerken werdet. Und was noch so? Seit über acht Jahren spiele ich Theater, bin Autor eines Theaterstückes und stand auch schon in Russland auf der Bühne. St. Petersburg, ey, was für eine Stadt. Jedenfalls: Ich mag Filme und Videospiele und hoffe, irgendeine Sau liest das hier endlich.

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3 Kommentare

  1. Melf

    Alter, Jannick – Musst du die Filmtipps jetzt ohne Ende rausfeuern? Wann soll ich das denn noch alles gucken?
    Doublefeature mit The Guest wird wohl mein nächster Filmabend.

  2. Ducon

    Ich habe den zwar erst dieses Jahr gefunden, aber ich ich finde ihn fantastisch! Schöne Review, danke!

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